Ostronauten – Hooligans mit Jutebeutel?
Warum "Ostimismus" allein keine Wirtschaftspolitik ersetzt
Einleitung
Ich war nicht beim MACHN Festival – obwohl ich es hätte sein können. Warum? Weil mich weniger das Event, sondern das dahinterliegende Narrativ irritiert.
Ich habe großen Respekt vor Menschen, die etwas bewegen wollen. Und ich sehe, wie viel Energie, Kreativität und Unternehmergeist auf Veranstaltungen wie dem MACHN Festival zusammenkommt.
Trotzdem habe ich mich bewusst entschieden, nicht hinzugehen. Nicht aus Ignoranz – sondern weil mich das, was dort gefeiert wird, irritiert. Vielleicht sogar triggert. Weil gut gemeint nicht automatisch gut gemacht ist.
1. Kommunikation ersetzt keine Realität
Sprache kann viel. Aber sie kann keine Realitäten schaffen, die faktisch nicht existieren.
So wenig wie ein Mensch allein durch eine sprachliche Selbstdefinition sein biologisches Geschlecht ändert, wird aus einer wirtschaftlich abgehängten Region ein Innovations-Hotspot – nur weil man ihn „Ideenplanet Ost“ nennt.
Das Leben ist kein Monty-Python-Sketch – und Strukturpolitik keine Feel-Good-Kommunikation.
Video auf YouTube: Das Leben des Brian, Loretta
Die vielzitierte depressive Stimmung kommt nicht aus dem Nichts. Sie ist kein kultureller Defekt, sondern das Resultat jahrzehntelanger Vernachlässigung, ausbleibender Investitionen und politischer Versäumnisse.
2. Der neue Osten als Copy-Paste-Veranstaltung
Was mich stört, ist nicht der Wille zur Veränderung – sondern wie er inszeniert wird. Viel Energie fließt in Symbolik, in bunte Bilder, in Narrative. Der Habitus erinnert an eine Mischung aus Start-up-Messe, Kirchentag und grünem Grundsatzprogramm. Jung, positiv, kreativ – aber erstaunlich unkonkret.
Man „zeigt Haltung“ – aber wofür eigentlich?
„Ostimist“, „Ostronaut“, „Ideenplanet“ – das klingt originell, ist kommunikativ clever, aber inhaltlich beliebig. Es ersetzt keine wirtschaftspolitische Agenda. Und es wirkt, als wolle man Veränderung simulieren, statt sie zu gestalten.
3. Ostronauten mit Jutebeutel
Man will ein neues Narrativ für den Osten schreiben. Gut so. Aber dann bitte nicht mit Begriffen, die wie aus einer Brainstorming-Session für eine Ministeriumskampagne klingen. Der Vergleich mit Dynamo-Fangesängen mag überspitzt sein – aber er drängt sich auf: laut, emotional, identitär – und letztlich ohne Substanz.
Wenn der neue Osten vor allem durch Semantik und Selbstdarstellung auffällt, wird es schwer, ihn als ernsthafte Wirtschaftsregion zu positionieren.
Video auf YouTube: OST, OST, OSTDEUTSCHLAND
4. Was wirklich nötig wäre
Nicht neue Etiketten, sondern neue Strukturen:
Eine mutige Wirtschaftspolitik mit Substanz
Sonderwirtschaftszonen, die Investoren anziehen
Weniger Bürokratie, mehr Freiraum
Kapital und Netzwerke für mittelständische Unternehmen
Bildungsoffensiven für Unternehmertum, Tech-Kompetenz und Eigenverantwortung
Ein Umfeld, in dem nicht nur Kreativität, sondern auch Realitätssinn eine Rolle spielt
Die Zukunft ist längst da – sie liegt aber nicht länger selbstverständlich im Westen. Sie entsteht im Osten – in Asien, in Polen, in baltischen Tech-Zentren. Und vielleicht auch hier, wenn wir den Mut haben, echte Weichen zu stellen.
Ex oriente lux – aus dem Osten kommt das Licht. Aber sicher nicht durch Symbolpolitik – sondern durch entschlossene Reformen, unternehmerische Freiheit und den Willen, Dinge wirklich zu verändern.
Fazit
Der Osten braucht keine Fantasiesprache.
Er braucht Klarheit. Kapital. Konzepte.
Menschen, die nicht auf Bühnen stehen, sondern Unternehmen gründen.
Keine Ostronauten – sondern Umsetzer.
„Wie seht ihr das? Ich freue mich auf Perspektiven jenseits der Buzzwords.“
Zuerst erschienen auf Substack.